Der Flipper der Ostsee

Schweinswal im Sprung

Bin grad auf'm Sprung...

Wer von euch kennt noch Flipper, den lustigen Delfin? Ich erinnere mich an fieberhaftes Warten vor dem Fernseher, um mit ihm Unterwasser-Abenteuer erleben zu dürfen. Dabei hätte es mich wahrscheinlich noch viel mehr in Aufregung versetzt, wenn ich gewusst hätte, dass kleine, rundliche Verwandte direkt vor meiner Haustür in Nord- und Ostsee rumschwimmen. Damals, in den 80er Jahren, wäre es vielleicht nicht ganz so schwierig gewesen, einige von ihnen zu entdecken. Aber heutzutage ist ihre Anzahl vor allem in der Ostsee stark dezimiert. Um was für Tiere es sich handelt? Diese hier:

 

Das ist ein Schweinswal, auf englisch heißt er “Porpoise”, was sehr schicke Wortspiele erlaubt. So auch in dem Bild oben, in dem “Porpoise” mit “Purpose” (engl. “Sinn”, “…des Lebens” z.B.) vertauscht wird. Schweinswale sind  sehr charmant und halten diese Art von menschlicher Spielerei gut aus. Was allerdings etwas erschreckender ist, sind die aktuellen Zahlen der bei uns heimischen Art “Gewöhnlicher Schweinswal” in der Ostsee. Von ehemals mehreren tausend Schweinswalen in der zentralen Ostsee finden sich aktuell noch mehrere Hundert, die sich östlich von Rügen aufhalten. In den weiter westlichen Gebieten gibt es noch einige mehr. Dabei handelt es sich um Tiere, die von der Körpergröße her gut in einer Badewanne Platz hätten, d.h. meist um die 1,5m lang sind (maximal 1,9m).

Zeitung Schuhwerbung
Hmmm, 1887 gab es Schweinswal Schuhe?!? Foto: Washington State Library/Aus der Juli Ausgabe “West Shore” 1887

Schweinswal ist nicht gleich Schweinswal

Wir wissen mittlerweile, dass es  verschiedene Populationen in der Ostsee gibt, die sich teilweise in ihrem Lebensraum überlappen. Die Schweinswale der zentralen Ostsee sind als stark gefährdet eingeschätzt. Um die Unterschiede der Populationen festzustellen, wurden verschiedene Methoden eingesetzt, u.a. Satelliten-Überwachung, Gen-Analyse und Schädelvermessungen. Und tatsächlich konnten leicht unterschiedliche Schädelformen erkannt werden. Bei der Analyse haben die Wissenschaftler auch auf Schweinswale aus Sammlungen in Museen zurückgreifen können. Man spekuliert, dass es sich um Anpassungen an die jeweils vorherrschende Nahrung handeln könnte. Es gibt demnach drei verschiedene Sub-Populationen: in der Nordsee-Skagerrak-Region, in der Dänischen Beltsee und der inneren Ostsee. Die Unterschiede müssen sich innerhalb der letzten ca. 9000 Jahre herausgebildet haben, nämlich seitdem die ersten Schweinswale nach der letzten Eiszeit in die Ostsee vorgedrungen sind.Jeder der an der Ostsee einen Schweinswal tot oder lebend zu Gesicht bekommt, kann auf der Website Schweinswalsichtung mithelfen, den Wissenschaftlern einen besseren Überblick über die Population zu verschaffen.

Netze als tödliche Fallen

Die Schweinswale sind bewegungsfreudige Tiere und haben eigene Wander-Routen (mehr über Tiermigration findet ihr hier: Küstenseeschwalben und Dugong). Der gewöhnliche Schweinswal wird auf seinen Reisen durch Europa vielen Gefahren ausgesetzt, die meist Mensch gemacht sind: Schwermetalle und Plastik im Wasser, störende Geräusche, die seinen Ortungssinn beeinträchtigen, etc. aber  er wird hauptsächlich durch Fischernetze aufgehalten, um es mal freundlich zu formulieren.
Aktuell fährt die Organisation Seashepard mit Freiwilligen an Bord auf der Ostsee und sucht nach in Stellnetzen verhedderten Walen, um diese zu befreien damit sie darin nicht elendig sterben. Arte hat einen kurzen Bericht mit Video dazu erstellt, den ihr hier abrufen könnt.

Schweinswal im Sprung
Bin grad auf’m Sprung…

Um die Schweinswale vor den tödlichen Kollisionen mit den Netzen zu schützen, wurde von Wissenschaftlern ein Gerät namens “Porpoise Alert” entwickelt. Es wird an den Stellnetzen, in denen sich die Wale verheddern könnten, angebracht und erzeugt Klicklaute, die als Alarmsignal von den Schweinswalen wargenommen werden. In der Schweinswalsprache der Ostseeschweinswale bedeutet das ausgesendete Signal soviel wie: Achtung! Fernbleiben!. Bei wissenschaftlichen Tests ist keiner von ihnen in die Netze geschwommen. Um von den Schweinswalen erkannt werden zu können, müssten die Maschen ein Echo zurückwerfen, was sie aber aufgrund der Maschengröße und des Materials nicht tun. Deshalb der Versuch mit den Klickern.

Ein internationales Abkommen zur Erhaltung der Kleinwale in der Nord- und Ostsee, des Nordostatlantiks und der Irischen See namens ASCOBANS bietet den Unterbau, um den Schutz der Schweinswale weiter voranzutreiben. Bei den wissenschaftlichen Tests sind im Gegensatz der Ostseepopulation, die sich von den markierten Netzen ferngehalten hat, leider zwei Nordseeschweinswale trotz Alarm in den Netzen hängengeblieben. Eventuell sprechen sie eine anderen Dialekt. Und damit bleibt noch viel zu erforschen und zu verbessern, um den kleinen, dicken, grauen Tieren, das Leben zu erleichtern. Es gibt viel zu tun…

Für alle englisch sprechenden Schweinswalfans haben wir noch einen Vortrag aus dem Aquarium in Vancouver/Kanada, mit einem recht interdisziplinären Titel: “Shades of Grey” herausgesucht. Der geneigte Leser erinnert sich sicher an dicke Bücher, die vor einigen Jahren reihenweise verschlungen wurden. Nun ja, in dem Vortrag geht es natürlich um die Besonderheiten der Schweinswale, vorgestellt  von Dr. Anna Hall. Unter anderem natürlich auch um ihre Fortpflanzung. Wer sich nicht über die Tonstörung ärgert, die ab und zu dazu führt, dass man kurz nichts hört, erfährt einiges über das geheime Leben der Meeressäuger.

Erste Tauchtiefe

Zweite Tauchtiefe

Text: CC-BY-SA 4.0, Inga Marie Ramcke für Plötzlich Wissen!

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