Merkwürdige Meerestiere: Der Mondfisch – twitch Edition

Mondfisch

Naaaa, wer schwimmt denn da? Ein Mola Mola! Foto: U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration Administration

Er ist das größte Chamäleon der Meere und hat auf Social Media seit 2017 mit einer schlechten Internet-Reputation zu kämpfen. Die Vorwürfe eines Users waren: faul, dumm, wertlos – und noch ein paar Dinge mehr. Wer nachlesen möchte, klickt hier:“Why I hate the sunfish”. Im Januar 2021 tauchte der Mondfisch auch auf unseren Bildschirmen auf. Nämlich in unserem Twitch-Stream von “Beyond Blue”. Ein guter Grund den riesigen Fisch mal unter die Lupe zu nehmen.

Es gibt verschiedene Arten, aber wir konzentrieren uns hier auf den wohl bekanntesten Mondfisch namens Mola Mola (Latein für Mühlstein).

Oder auch nicht, denn wer bis zu 2,3 Tonnen schwer wird und eine Höhe zwischen den Flossenspitzen von über 4m erreichen kann, hat eine Lupe gar nicht nötig. Im Mittel sind es übrigens nur 1 Tonne Gewicht. Und als Baby gar nur eine Länge von etwa 2,5mm und ein Gewicht von 1 Gramm. Sein Aussehen als “Jungfisch” verrät seine Verwandtschaft zu den Kugel- und Igelfischen. Als Kind trägt er Stacheln (für Beispielbilder hier klicken und dann runterscrollen).

Ein zackiges Mola Mola Baby! Foto: G. David Johnson –  CC BY-SA 3.0, Link

Und auch sein offener Mund ähnelt dem der Kugelfische. Die erste von zwei Zahnreihen ist zu einer Art Schnabel verwachsen während man mit der dahinter liegenden zweiten Zahnreihe lieber nicht in Berührung kommen möchte. Tödliche Stacheln…

Aber: die Mondfische sind friedliebend und grundsätzlich ungefährlich. Außer, wenn sie aus dem Wasser springen und aus Versehen auf einem Boot landen. Oder man einen von ihnen mit dem eigenen Boot aus Versehen rammt. Oder man versucht auf den schwimmenden Parasiten-Hotels zu reiten – das ist allerdings mehr als fragwürdig. Mit über fünfzig Arten von parasitären Mitbewohnern ziehen sie sowieso nie allein ihre Bahnen in den Weltmeeren – aber auf menschliche Reiter können sie bestimmt gut verzichten. Durch das Hochspringen versuchen Mondfische vermutlich einige der Mitbewohner loszuwerden. Das funktioniert nur leider nicht, wenn man von einem wilden Menschen “beritten wird”. Merke: wilde Tiere – don’t touch! Ansonsten kann es, wie in diesem Fall, zu Jucken im Schritt kommen…

Es gibt nur wenige Feinde für den Mondfisch. Einer davon ist der Hai, der beim Genuss von Mondfischfleisch auch Hai-Parasiten übernimmt, der von den Mondfischen bewirtet wird, bis er sein Endziel, den Hai, erreicht. (Wer mag, findet hier einen (etwas unappetitlichen) Twitter-Link zum Parasiten-Foto pic.twitter.com/vF83ThcC0H namens Gymnorhynchus gigas, der später eine Haimat im Hai findet).

Orcas mögen Mondfische ebenso. Und Kalifornische Seelöwen. Die beißen den Mondfischen die Flossen ab und spielen mit den flossenlosen Mondfischen Frisbee. Leider kein Scherz. Für Tagging Aktionen der  Forscherin Tierny Thys fliegt diese um die Welt, um mehr über den Bewegungsradius der Mondfische zu erfahren. Bei ihr zu Hause in der Bucht von Monterey/Kalifornien taggt sie allerdings nicht, obwohl sich rund um Oktober ziemlich viele Mondfische dort tummeln. Es wäre einfach ein zu abruptes Ende für den das technische Gerät – denn die Wahrscheinlichkeit, dass der Mondfisch dort zum Frisbee wird, ist zu hoch… Auf Englisch gibt es diesen TED-Talk von ihr.

In Japan und Taiwan wird der Mondfisch von Menschen konsumiert. In der EU ist das verboten – mit dem Argument, dass die Familie der Molidae giftig sei. Mir persönlich ist sowieso schleierhaft, wieso man die schleimige und wabbelige Mondfischhaut (etwa 7,5 cm dick…) und auch sonst alles vom Mondfisch essen mag. In Japan war der Mondfisch übrigens als Steuerzahlungsmittel bei den Shogun anerkannt. Das war im 16. Jahrhundert – und vielleicht wurde nicht unbedingt mit ausgewachsenen Exemplaren gezahlt. Oder es gab auch damals schon Steuervorauszahlungen…? Was eine Tonne Mondfisch da wohl so an Steuer wert gewesen wäre?!?

Gefangener Mondfisch/1910
Size matters… 1910 gefangener Mondfisch
Foto: P.V. Reyes of Avalon (1875-1950)

Wenn der Mondfisch unter Stress gerät, verfärbt sich seine Haut von hell zu dunkel. Er ist im Prinzip ein riesiges aquatisches Chamäleon der Meere. 😉 Die Mondfische haben übrigens ganz unterschiedliche gräuliche Färbungen und können bläuliche Punkte haben. Innen drin bestehen die sogenannten Knochenfische hauptsächlich aus Knorpeln. Daher sind Versteinerungen dieser jungen Fischart (erst ca. 50 Mio. Jahre alt) ziemlich schwer zu finden. Knorpel versteinern schlecht. Was auch nicht versteinert ist das Gehirn. Das wiegt etwa 6 Gramm. Ja. Gramm! Und trotzdem kann der Mondfisch einiges damit anfangen. Weil er ein tendenziell langsamer Schwimmer ist – wenn er nicht gerade flüchtet und zusätzlichen Boost durch Wasserausstoß über die Kiemenöffnung aktiviert — und daher in Aquarien als letzter zum Futter paddelt, wurde er z.B. im Monterey Aquarium auf Farbindikatoren trainiert. So wird ihm per Farbe mitgeteilt, dass die Fütterung bevorsteht und er schon mal rechtzeitig losschwimmen kann, um nicht leer auszugehen. Standardgeschwindigkeiten liegen bei 3,2km/h bzw. 26km am Tag.

Wenn das mit dem Füttern im Aquarium gut klappt, kann ein Mondfisch ordentlich zunehmen. Das Monterey Aquarium hat ein Exemplar nach 15 Monaten in die Freiheit entlassen – dort herrschten wohl schon damals Pandemie Bedingungen: gutes Futter und wenig Bewegung. Gewichtszunahme von 26 auf 399kg…

Erwachsenen Mondfische vertilgen große Mengen Quallen – aber nicht nur. Eine Studie rund um Irland hat 2017 durch Bewegungsdaten getaggter Mondfische und durch Kameraaufnahmen eine Menge von 213 kg Quallen-Konsum pro Tag und Mondfisch ermittelt. Auf alle dort untersuchten Mondfische macht das täglich 2600 Tonnen Quallen. Und das macht die Nachverfolgung der Mondfische u.a. auch so attraktiv. Man kann sie viel besser sehen und nachverfolgen als Quallen. Durch ihre Fressvorliebe macht es sie zu einem guten Indikator für die Ozean-Gesundheit. Die nicht allzu schnell reisenden Mondfische ergeben einen Überblick über die Quallen-Population, und helfen als kleine Quallen-Fressmaschinen gegen übermäßige Quallenvorkommen.

Als Sonnenbader kann man Mondfische gut an der Wasseroberfläche liegend erkennen. Als helle Scheibe. Dabei machen sie sich Meeresvögeln zu Nutze, die auf ihnen landen und ihre Parasiten entfernen. Für sie ist es natürlich ebenfalls super auch auf dem Meer das Futter auf einem “Silber-Tablett” geliefert zu bekommen.

Den Mondfischen erspart es energieaufwändiges Springen – genauso, wie die Spa-Besuche im Kelp-Wald, um sich die Dienste von Putzerfischen zu gönnen. Ein anderer Grund für das Sonnenbad könnte sein, dass sich dadurch die Körpertemperatur erhöht, um in die kalte Tiefe zu tauchen. Sie wechseln ständig ihre Position in der Wassersäule und sind etwa die Hälfte der Zeit an der Oberfläche, wurden aber auch schon in Tiefen von über 800 m gesichtet.

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Ach ja, noch was: die Mondfische legen Eier. 300 Millionen auf ein Mal! Das da einige als gefundenes Fressen für andere Meeresbewohner rausspringen, ist klar. Und damit sind sie natürlich ein wichtiger Teil des Nahrungsnetzes.

Wer einen der fünf Mondfisch-Arten sichtet – das ist auch in der Nordsee möglich – kann seinen Fund im Citizen Science Projekt hier eintragen.

Übrigens heißt der Mondfisch auf Englisch Sonnenfisch (sunfish). Und nun: Gute Nacht – oder guten Tag. Je nachdem, ob du gerade die Sonne oder den Mond begrüßt – ein Mondfisch sei mit dir.

Erste Tauchtiefe

Zweite Tauchtiefe

Text: CC-BY-SA 4.0, Inga Marie Ramcke für Plötzlich Wissen!

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